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Betterness

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Filesharing als Religion?

Logo der Kopimisten

Logo der Kopimisten

Kurz vor Weihnachten wurde in Schweden die Kirche der Kopimisten als religiöse Gemeinschaft anerkannt. Das ist zwar genau genommen noch lange nicht die Anerkennung als Religion und hat sicherlich auch teilweise satirischen Charakter, zeigt aber dennoch eine weitere Form der Konvergenz, die kulturelle Konvergenz.

Dreh- und Angelpunkt ist dabei ein neues kulturelles Verständnis von ethischen Begriffen, was sich hier in der Form der Gebote der Religion ausdrückt:

  1. Die Vervielfältigung von Informationen ist ethisch richtig.
  2. Die Verbreitung von Informationen ist ethisch richtig.
  3. Die willentliche Neuanordnung ist eine heiligere Art des Kopierens als die perfekt und digitale Kopie, weil die Neuanordnung eine Zusammenstellung vieler Informationen ist
  4. Das Kopieren oder Zusammenstellen von Informationen einer anderen Person ist eine Form des Respekts, ein starker Ausdruck von Akzeptanz und des kopimistischen Glaubens.
  5. Das Internet ist heilig.
  6. Code ist Gesetz.

(http://kopimistsamfundet.se/var-vardegrund/ )
Man mag über diese Gebote denken wie man will, sie bilden dennoch ein ethisches Konstrukt, was tatsächlich so in vielen Bereichen von den Internetnutzern gelebt wird und fand auch schon vorher Ausdruck im Internet, z.B. in Form der Creatve Comons License. Gerade Bedrohungen der Freiheit im Internet durch Zensur oder staatliche Eingriffe wird sehr kontrovers im Internet diskutiert und eine große Community lehnt dies ab.

Man darf sich jetzt fragen, was macht eine Religion aus, ist es tatsäcchlich nur der Glaube an einen oder mehrere Götter oder ist es nicht vielmehr ein gemeinschaftlicher kultureller Kodex und der Glaube an dessen Gültigkeit? Carl Friedrich von Weizsäcker bezeichnete die Wissenschaft als vorherrschende Religion unserer Zeit, weil wir an ihre Gültigkeit glauben, unabhängig davon, ob wir ihre Grundlagen und Gesetze verstehen oder nicht. Wir verlassen uns auf ihre Ergebnisse, die wir in unserer alltäglichen Technik verwenden. Wenn wir einen Lichtschalter betätigen, dann glauben wir, dass das Licht angeht und wenn es nicht funktioniert, stellen wir nicht die Naturgesetze in Frage, sondern bringen ein Opfer, in dem wir eine neues Leuchmittel in die Fassung einbringen – das mag jetzt übertrieben klingen, aber läßt sich durchaus so formulieren.

Und Kopimismus? Kopimismus könnte man durchaus als synkretische Religion ansehen, s. dazu Wikipedia:

Synkretismus bedeutet die Vermischung religiöser Ideen oder Philosophien zu einem neuen System oder Weltbild. Voraussetzung ist, dass diese Ideen oder Philosophien sich zuvor als inhaltlich voneinander unterschieden abgegrenzt haben und dass sie als religiös-philosophische Teilaspekte auf einen Absolutheitsanspruch verzichten. Synkretismus nimmt vielmehr die Aspekte unterschiedlicher Religionen bewusst auf und formt sie zu etwas Neuem.

In diesem Sinne können wir durchaus davon ausgehen, dass sich im Internet ein neuer gesellschaftlicher Kodex herausbildet und viele tatsächlich diesen als gültig ansehen. Für viele Nutzer ist das Kopieren von einfachen Texten und Bildern im Internet nicht mit dem Begriff des „Diebstahls geistigen Eigentums“ verbunden, d.h. aber nicht die generelle Verneinung des Eigentums am geistigen Eigentums. Man findet hier häufig den Begriff des „fair use“, so ist den meisten durchaus klar, dass das Kopieren und Verbreiten von Filmen im Internet nicht richtig ist, aber eine private Kopie oder die Vorführung von Filmen im privaten Rahmen wird als „fair use“ angesehen. Die Grenzen sind sicher fließend, aber die Nutzergemeinde des Internets stellt keinen moral-befreiten Raum dar, ist aber auch nicht mit den vorhandenen zivilisatorischen Mitteln greifbar. Hier steht uns noch ein langer Weg bevor, bis wir globale Regeln haben, die allgemein anerkannt werden und damit auch durchsetzbar sind, weil an deren Gültigkeit geglaubt wird.

Übrigens, wer glaubt, dass der Kopimismus die einzige seltsame Glaubensgemeinschaft ist, täuscht sich, in Australien bekannten sich bei der Volksbefragung von 2001 rund 70000 Menschen zum Jediismus, der auf den Star-Wars Filmen beruht.

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Ökonomie 2.0

(c) Gerd Altmann/pixelio.deMit „Betterness: Economics for Humans“ stellt Umair Haque einen interessanten neuen Ansatz für die Triebkraft der Wirtschaft im 21. Jh. vor, nicht mehr das klassische Gewinnstreben wird die Wirtschaft – seiner Meinung nach – antreiben, sondern viel mehr „Betterness“. Das Streben nach Profit ist dabei nur noch ein Teilaspekt, andere Aspekte sind Zufriedenheit, Gesundheit, et.al. also weiche wenig quantitativ messbare Größen. Er bringt dafür auch Beispiele an von Firmen, die bereits diesem neuen Paradigma in Teilen folgen und stellt den jeweiligen Leitsätzen die Leitsätze klassischer Firmen gegenüber. Die Unterschiede sind wirklich deutlich und die Abhandlung regt zum Nachdenken an. Vielen Aspekten kann man leicht folgen, allerdings darf man durchaus in Frage stellen, ob sein neues ökonomisches  Paradigma wirklich global und über alle Branchen hinweg tragbar ist. Hier hat er ein sehr optimistisches Menschenbild, sicher bildet sich mit dem Internet und den sozialen Medien eine neue globale Kultur, die Einfluss auf Wirtschaft und Politik ausübt, wie es vorher noch nicht vorgekommen ist, allerdings halte ich ihm hier gerne Brecht entgegen: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“.

Haque bezeichnet diesen Einfluss als „Ultracompetition“ und die mitspielenden Parteien als „counterorganisations„, diese sind nicht mehr unbedingt klassische Konkurrenz um Märkte und Marktanteile, können aber durch ihren Einfluss Märkte so stark beeinflussen, dass Firmen Marktanteile verlieren können. Neu ist das nicht, Kundenboykotte gab es auch früher schon, allerdings ist es heute sehr viel leichter diese global zu organisieren und durch die neuen Informationsmedien sind viele Menschen weltweit auch sehr viel besser informiert. Haque gibt auch Hinweise darauf, wie eine Transformation zu einem „Betterness“-Unternehmen aussehen kann und in durchaus verständlicher Art und Weise.

Haque vermeidet aber Web 2.0 oder soziale Medien in seiner Argumentation, was logisch ist, denn diese sind eigentlich weder Ursache noch Treiber dieses neuen Paradigmas, sondern nur Symptome, die dieses neue Paradigma unweigerlich hervorbringt, die dieses aber auch verstärken. Insofern komme ich hier wieder mit meinem Thema der Konvergenz, hier sind soziale Medien ein Mittel den Paradigmenwechsel zu befördern und neue Counterorganisations zu schaffen und bestehende zu stärken.

Unabhängig ob man an diesen Paradigmenwechsel glaubt oder nicht, viele Feststellung sind sicherlich richtig und über die Schlussfolgerungen sollte man nachdenken, vielleicht kommt ja die eine oder andere eigene Erkenntnis oder Idee dabei heraus.

(Bild: (c) Gerd Altmann/pixelio.de)

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